Leben gedenken - Gedenken leben

Seit 1996 ist der 27. Januar als "Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus" ein nationaler Gedenktag. In Detmold findet seitdem zur Erinnerung und zum Gedenken an die Holocaust-Opfer eine Veranstaltungsreihe rund um den 27. Januar statt. In diesem Jahr stehen die Veranstaltungen unter dem Motto "Leben gedenken - Gedenken leben". Ausgerichtet wird die zentrale Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2017 von zwei Literaturkursen des Gymnasium Leopoldinum. Die Schülerinnen und Schüler wollen eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen und die Gedenkkultur mit in die Zukunft tragen. Dazu sollen Einzelschicksale, die als Puzzlestücke das große Ganze repräsentieren, in den Vordergrund gestellt und beleuchtet werden. 

Den Auftakt zur Veranstaltungsreihe bildete am 23. Januar die Ausstellungseröffnung "Ich kam allein...!" Rettende Kindertransporte - Fremde Heimat im Rathaus am Markt. Die Ausstellung kann noch bis zum 24. März 2017 besucht werden. Neben einer Filmmatinee und einem Vortrag zum Auschwitz-Prozess in Detmold gibt es zahlreiche weitere Vorträge, Lesungen und Ausstellungen. Das vollständige Programm kann über den folgenden Link abgerufen werden: Programm zur Veranstaltungsreihe 27. Januar 2017

AKTUELLES

Auschwitz bleibt ein Leben lang

Rechtsanwalt Thomas Walther im Gespräch mit einem Zeitzeugen. / Foto: Torben Gocke/Lippische Landes-Zeitung

Vortrag zum Detmolder Auschwitz-Prozess mit Thomas Walther

Im vergangen Jahr erregte der Detmolder Auschwitz-Prozess bundesweit hohe Aufmerksamkeit. Mit dem Prozess und seiner Bedeutung für jüdische Überlebende sowie für die deutsche Justiz beschäftigte sich der Vortrag "Der Auschwitz-Prozess in Detmold" von Rechtsanwalt Thomas Walther. Im Fokus standen für Walther die Biografien der Opfer, ihrer Angehörigen und Nachfahren. Eindringlich warnte er: "Wir können nichts dafür, was damals passiert ist. Wir können aber dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Deshalb bleiben Sie wachsam und mutig!"

Thomas Walther (geb. 1943 in Erfurt) war seit 1975 Richter und Staatsanwalt in Memmingen, Kempten, Sonthofen und Lindau. 2006 wechselte er zur Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, wo er maßgeblich zu der Anklage gegen John Demjanjuk beigetragen hatte. Seit seiner Pensionierung und Beendigung des Einsatzes in Ludwigsburg setzt er seit 2009 als Anwalt der Überlebenden des Holocaust und Angehörigen der Opfer sowie mit Recherchen zu möglichen Zeugen der Verbrechen seinen Einsatz für die Bestrafung noch lebender NS-Täter fort. In den Prozessen gegen die früheren SS-Männer Oskar Gröning am Landgericht Lüneburg 2015 und Reinhold Hanning 2016 in Detmold vertrat er jeweils mehr als 30 Nebenkläger aus USA, Kanada, Israel, Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Derzeit ist er mit Recherchen zu Zeugen und Nebenklägern in den Ermittlungen gegen ehemalige SS-Angehörige zum Massenmord im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig ab Sommer 1944 bis Mai 1945 befasst.

Viele Jahre lang konnten die Verbrechen, die in Konzentrationslagern an den Häftlingen verübt wurden, nur dann strafrechtlich verfolgt werden, wenn eine unmittelbare Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte. Die Wende kam erst 2011mit dem Fall Demjanjuk, der schuldig gesprochen wurde, weil es nun ausreichte, nachweislich Teil der Mordmaschinerie gewesen zu sein. Der Detmolder Prozess belegt eindeutig, wie wichtig es ist, diese Verbrechen zu verfolgen. Zweifel am Verfahren beantwortete die vorsitzende Richterin Anke Grudda: "Dieser Prozess ist das Mindeste, was eine Gesellschaft tun kann, um den unzähligen Opfern des Holocaust zumindest ein klein wenig Gerechtigkeit zu verschaffen."

Veranstaltet wurde der Vortrag von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lippe e.V. und der Stadt Detmold im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 27. Januar.

"Bäume und Steine überzeugen"

Frank Meier (rechts) las Ausschnitte aus "Bei uns in Auschwitz" von Tadeusz Borowski, Joanne Bialek begleitete ihn musikalisch auf dem Bajan

Lesung mit Musik aus "Bei uns in Auschwitz"

"Klare, selbstquälerische Erzählungen" nannte Imre Kertesz, Nobelpreisträger für Literatur und Überlebender des Holocaust, anerkennend den Erzählband "Bei uns in Auschwitz" des polnischen Schriftstellers und ebenfalls Holocaust-Überlebender Tadeusz Borowski (1922-1951). Auch der Historiker und Rezitator Frank Meier, der Auszüge aus dem Buch vortrug, sagte zu Beginn der Lesung: "Die Darstellung ist sehr beklemmend und bedrückend. Borowski findet sehr harte Worte."

Der Erzählband "Bei uns in Auschwitz" ist ein Versuch Borowskis, seine Erlebnisse als Häftling mehrerer Konzentrationslager zu verarbeiten. "Das ist, als wollte ich Bäume und Steine überzeugen" - so befremdlich erschien es Borowski, nach einer angemessenen Sprache für das zum Alltag gewordene Grauen zu suchen. "Bei uns in Auschwitz" gilt wegen seiner beklemmend genauen Darstellungsweise und seines einzigartigen Tonfalls als moderner Klassiker. Erzählt wird aus der Sicht des Kapos, der als Häftling und Aufsichtsperson im Konzentrationslager zwischen seinen Mithäftlingen und deren Mördern steht. Dabei verzichtet Borowski auf eine klare Trennung zwischen Opfer und Täter. Wenige Jahre nach der Fertigstellung des Erzählungsbandes verübte Tadeusz Borowski im Alter von 28 Jahren Suizid.

Frank Meier gab über die Lesung hinaus Hintergrundinformationen zur Biografie Borowskis und ordnete die Erzählungen und Ausschnitte in einen Kontext ein. Joanne Bialek gab der Lesung den musikalischen Rahmen mit unversöhnlich klingender Musik auf dem Bajan (einer Art Akkordeon), unter anderem mit der "Gulag"-Suite von Viktor Vlasov und "Flashing" von Arne Nordheim. Veranstaltet wurde die Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 27. Januar von der Buchhandlung Kafka & Co und der Stadt Detmold.

Von Nazis verfolgt

Dr. Bärbel Sunderbrink (Stadtarchivarin), Dr. Evelyn Tegeler (stellvertretende Direktorin der VHS Detmold-Lemgo), Werner Müller (Regisseur des Films), Stadtarchivar a. D. Dr. Andreas Ruppert und Sylvia Seydler-Müller (Ehefrau des Regisseurs Werner Müller) (v.l.n.r.) bei der Filmmatinee

Filmmatinee "Mich kriegt ihr nicht!" in der Filmwelt Detmold

Die abenteuerliche Flucht des Manfred Weil durften die Zuschauerinnen und Zuschauer am vergangenen Sonntag in der Filmwelt Detmold mit verfolgen. Manfred Weil, Kölner Jung, Maler und Jude, floh vor dem NS-Regime. Seine Odyssee führte ihn nach Belgien, Frankreich, in die Schweiz - und nach Detmold. Als belgischer Zivilarbeiter getarnt lebte er einige Zeit in der Lippestadt. Als das Risiko, dass seine wahre Identität entdeckt würde, zu groß wurde, musste er weiterziehen. Vor seinem Tod im Jahr 2015 konnte Manfred Weil zusammen mit dem Regisseur Werner Müller und dem ehemaligen Detmolder Stadtarchivar Dr. Andreas Ruppert die Spuren, die er in Detmold hinterließ, entschlüsseln und für einen bemerkenswerten Dokumentarfilm aufbereiten. Mit der Filmmatinee "'Mich kriegt ihr nicht!' - Die abenteuerliche Odyssee des Manfred Weil" fand dieser Film zurück nach Detmold.

Moderiert wurde die Filmmatinee von Stadtarchivar a. D. Dr. Andreas Ruppert. Als besonderer Gast wurde der Regisseur des Films, Werner Müller, begrüßt. Dieser lernte Weil durch einen Zufall kennen: "Ich habe eines seiner Bilder geerbt und wollte wissen, wer der Künstler ist. Von seiner Geschichte wusste ich da noch gar nichts." Aus dem Zufall wurde eine Freundschaft und so erfuhr Werner Müller nach und nach, wie Manfred Weil den Nazis entkommen konnte. Gemeinsam entschlossen sie sich, seine Flucht in aufreibenden 120 Minuten zu dokumentieren. Fünf Jahre dauerten die Arbeiten für den Film an. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der auch über Deutschland hinaus Beachtung findet: Inzwischen wurde er sogar für Aufführungen in Frankreich übersetzt.

Brücken schlagen zwischen gestern und heute

Schülerinnen und Schüler des Leopoldinum richteten zentrale Gedenkfeier aus

"Nicht vergessen, trauern, sprechen" - ein zentrales Leitmotiv, das sich als roter Faden durch die zentrale Gedenkfeier zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zog. Unter dem Motto "Leben gedenken - Gedenken leben" richteten Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Leopoldinum die Gedenkfeier am 27. Januar aus und schlugen in ihrem Bühnenprogramm und mit einer Ausstellung die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart.

"Es stinkt schon stark nach 1933 und das ist krass." Mit einem eindrucksvollen Wechselspiel aus Musik und mahnenden Worten starteten die Schülerinnen und Schüler den Aufruf: "Wir fordern Sie auf: Verteidigen Sie mit uns unsere Grundrechte!" Sie stellten Biografien von Opfern des Holocausts vor, führten unter der Detmolder Bevölkerung eine Umfrage durch, welche Bedeutung der Holocaust heute hat, beteten gemeinsam mit dem Publikum ein jüdisches Friedensgebet und hielten eine Schweigeminute ab. Bürgermeister Rainer Heller zeigte sich nach dem Bühnenprogramm bewegt: "Ich möchte mich im Namen aller Zuhörerinnen und Zuhörer bedanken. Nicht nur dafür, dass ihr uns das Thema näher gebracht habt, sondern auch für eure Botschaften. Ihr habt das Richtige gemacht und das richtig gut", bedankte er sich für den intensiven, angemessenen und gefühlvollen Abend bei den Schülerinnen und Schülern. Auch Schulleiterin Jutta Posselt lobte den Einsatz der Schülerinnen und Schüler und weiß: "Solange die junge Generation unabhängig von Schule und Schulform gedenkt, gibt es Hoffnung."

Im Anschluss an das Bühnenprogramm eröffneten die Schülerinnen und Schüler eine von ihnen konzipierte Ausstellung: Zwischen Zeitungsausschnitten aus der NS-Zeit, Lichtinstallationen und Darstellungen von Einzelschicksalen luden die Schülerinnen und Schüler auch zu Gesprächen ein.

Bilder zur zentralen Gedenkfeier am 27.01.2017