Das Sonntagskind

 

 

Auf einer Heide am Walde lebten einmal einfache arme Webersleute rechtschaffen und fleißig von ihrer Arbeit. Sie hatten keine Kinder, und die Frau wünschte sich sehnsüchtig einen Jungen. Endlich gewährte ihr der Himmel ihren Wunsch. Es war gerade in der heiligen Nacht um die Mitternachtsstunde, und dazu fiel das Weihnachtsfest auf einen Sonntag.

»Das ist ein Glückskind!«, dachten Vater und Mutter, aber die weise Frau, die das Kind zur Welt brachte, schüttelte den Kopf; denn es war zart und schwach und ließ das Köpfchen hängen, wie eine welke Blume. Weil sie glaubten, es würde ihnen unter den Händen sterben, so gab die weise Frau ihm die Nottaufe; denn die Eltern wollten nicht, daß es wie ein Heide aus der Welt gehen, sondern wie ein Englein im Himmel spielen sollte. Die Mutter weinte viele Tränen und flehte inbrünstig zum lieben Gott, er möchte ihr das Kind lassen. Und Gott erhörte ihr Flehen, und es blieb am Leben. Es hatte rote Rosen auf den weißen Wangen. Das Taufwasser war nämlich unter dem wilden Rosenbusch ausgeschüttet worden, der bei dem großen Apfelbaum im Baumhofe stand.

 

Als das Sonntags- und Weihnachtskind sechs Jahre alt war, starb die Mutter, und bald kam eine neue Frau ins Haus. Bei der Stiefmutter hatte es der Junge nicht mehr so gut. Er mußte mit den Hühnern aufstehen und bis spät in die Nacht arbeiten, Kartoffeln schälen, Wasser holen, Holz splittern, Disteln suchen und was sonst noch alles. Am liebsten hütete er die Ziegen auf der weiten Heide. Da konnte er sich zuweilen in den schönen gelben Sand am Berge hinstrecken und seinen eigenen Gedanken nachgehen.

 

 

Einmal lag er an einem schönen Sommertage wieder auf der Erde und sah in den tiefblauen Himmel hinauf.

Gerade neben ihm stand ein wilder Rosenbusch mitten in der braungrünen Heide am Sande. Da sah er über sich nicht nur die Wolken eilen und hörte nicht nur die Ler­chen singen, sondern da neigte sich auch ein hübsches Röslein von dem Busche nieder. Es war schon fast aufgeblüht.

Das Sonntagskind hing mit seinen Augen an der Blume, und, o Wunder, sie öffnete sich zusehends, wurde größer und größer, und ihre weißen Blütenblättchen wurden zu einem wallenden Schleierkleide, das mit grünen Streifen besetzt war und an dem grüne Bänder herunterflatterten. Die roten Fleckchen der Rose wurden zu einem engelglei­chen lieblichen Antlitz, und segnend streckten sich dem Sonntagskinde zwei weiße Händchen entgegen.

»Sonntagskind«, sagte die Rosenfee, »fürchte dich nicht! Du wirst einmal Glück haben in der Welt; denn du bist an einem Weihnachtssonntage in der Glücksstunde geboren. Heute, wo du unter meinem Rosenbusche liegst, will ich dir die Augen und Ohren öffnen, daß du verborgene Dinge siehst. Aber du darfst keinem Menschen ein Wort davon sagen, sonst hast du dein Glück verscherzt. Wenn du mehr sehen und hören willst, als andere Menschen, dann nimm eine wilde Rose oder ein Rosenblatt, so wird dein Wunsch erfüllt werden!«

Dann lächelte die Fee wie ein Engel, winkte ihm mit ihren Händen den Abschied zu und verschwand.

Unser Sonntagskind war wie vergeistert. Es sprang auf und starrte den Rosenbusch an; aber er blühte wieder wie sonst, weiß und rot, und nur aus dem kleinen Röschen in der Mitte schien ihm das liebliche Engelsgesichtchen noch mit freundlichem Blick zuzunicken. Oben am blauen Himmel zogen die Wolken vorüber, und sie riefen:

 

            Sonntagskind, bleib nicht zurück,

            In der Fremde blüht dein Glück!

 

Und in der Luft sang die Lerche:

 

            Tirelireli,

            Lieber blieb ich hie!

 

Und die Bienen summten wie sonst; aber das Sonntagskind konnte deutlich verstehen, was sie sagten:

 

            Summ, Summ, Summ,

            Die Zeit ist noch nicht um!

 

Aber die dicke, schwarz und rot gebänderte Hummel flog ihm um den Kopf und brummte ihm ins Ohr:

 

            Junge, Jung! Da vorn

            Die Blesse ist am Korn!

 

Da war unser Sonntagskind wie aus allen Wolken gefallen, guckte nach seinen Ziegen und richtig, sie waren von der Heide nach dem nahen Felde gelaufen und fraßen am Korn. Die Stiefmutter hatte es gesehen und schalt: »Du Nichtsnutz, du! Ich will dir deine Faulheit vertreiben und dir flinke Beine machen, daß du besser aufpaßt!«

Zuweilen durfte das Sonntagskind mit in die Kirche gehen. Es wußte noch, wie seine liebe Mutter früher jeden Sonntag hineingegangen war, das Gesangbuch mit den schönen Goldbuchstaben in den gefalteten Händen, ein schlohweißes Taschentuch darauf, und beim Hinausgehen hatte sie in ihrem Garten einen Riechebusch gepflückt, Reseda und Balsam, und auf dem weißen Tuche in den Fingern gehalten. Als das Sonntagskind beim Rosenbusche an der Ecke des Baumhofes vorbeikam, pflückte es sich ein Röschen. Und es war wieder, als ob ihm ein Engelsgesichtchen daraus entgegenlachte, wie es die Rose in der Hand anblickte. Nun sah das Sonntagskind vieles, was es sonst nicht gesehen hatte.

Der alte ehrwürdige Pastor sprach ergreifende Worte von der Liebe Gottes zu den geringen Menschenkindern. Und alles war so still in der großen Kirche, so still, daß das Sonntagskind die Gedanken der Leute hörte. Da saß vor ihm der große Hofmeier, der fünfzehn Pferde besaß. Aber damit hatte er noch nicht genug. Schon sein Vater war der leibhaftige Geiz gewesen und mußte deswegen umgehen, wie die Leute sagten. Nachts in der Geisterstunde ging er auf dem Felde wie ein feuriger Mann, hatte einen Grenzstein auf der Schulter, den er in seinem Leben ungerechterweise versetzt hatte. Er irrte hin und her, suchte und rief immer: » Wo soll ich ihn hinsetzen? Wo soll ich ihn hinsetzen?« und dann erschien er auch auf dem Hofe, und manchem hatte er schon zugewinkt, ihm zu folgen, aber niemand folgte ihm.

Der junge Bauer war noch schlimmer als der alte. Er hörte nicht auf das, was von der Kanzel ins Herz getragen werden sollte. Nein, er dachte nur daran, wie er morgen die armen Kinder, die auf dem Stoppelfelde die wenigen liegen gebliebenen Ähren lesen und Sangen davon machen wollten, mit seinem Hunde vom Felde jagen könnte; er dachte nur daran, seinen Knechten und Mägden etwas vom Lohn abzuzwacken; dachte nur daran, wie die Bäuerin für das Volk magerer kochen sollte, um seinen Geldbeutel mehr zu füllen, wie er Weizen und Roggen am vorteilhaftesten verkaufen und den Viehhändler hinters Licht führen könnte. Seit der Zeit mochte Hans den Hofmeier nicht mehr ansehen und ging weit um ihn herum.

Nicht weit von dem Hofmeier saß der Schmied, der fleißig in die Kirche ging. Aber nun merkte unser Sonntagskind, daß er eben so wenig auf die Predigt des Pastors achtete, wie der Hofmeier. Der Schmied war einer von denen, für die das Handwerk Nebensache ist. Viel lieber trieb er es als Mäkelsmann, weil ihn das häufig ins Wirtshaus führte; als solch ein Freiwerber machte er seine Geschäfte stundenweit im Umkreise, auch wurde kein Pferd in der ganzen Gegend gekauft und verkauft, ohne daß er nicht dabei sein mußte. Aber seine Schmiede ging dabei zurück, und Frau und Kinder litten Mangel.

Nun hörte das Sonntagskind seine Gedanken, wie er nämlich gedachte, dem einzigen Mädchen des großen Meiers im Dorfe, der Anerbin, einen Freier zu verschaffen, der ihn viel Geld dabei verdienen ließ.

Und da war noch ein dritter, der nur aus Gewohnheit in die Kirche ging, es aufs Geld absah und sich mit Hilfe des Teufels Glück und Reichtum verschaffen wollte. Er hatte sich schon dem Teufel verschrieben, und der hatte ihm befohlen, in der nächsten Adventszeit nicht zu beten, nicht in die Kirche zu gehen, nicht das heilige Abendmahl zu genießen, sondern sich stets mit bösen Gedanken zu beschäftigen und an den Teufel zu denken. Dann sollte er in der Weihnachtszeit auf den Kreuzweg am Berge gehen und Gold im Überfluss erlangen, wenn er die Prüfungen aushielte, die noch von ihm gefordert würden.

Und so las und hörte er die Gedanken vieler Menschen, und von alI den Hunderten in der Kirche waren nur wenig, sehr wenig mit dem Herzen dabei, auch die Frauen und Mädchen nicht. Die eine dachte an schöne Kleider, die andere war neidisch auf den Hut ihrer Nachbarin, die dritte dachte an die hübsche Schürze, die sie im Schaufenster gesehen hatte, der vierten gingen die Gedanken an ihren Schatz, den sie heute Morgen auf dem Kirchwege treffen wollte und der ausgeblieben war, nicht aus dem Kopfe. Und so hatten fast alle Leute ihr Herz anderswo, nur nicht bei der Predigt. Nein, war das eine Welt!

Als Sonntagskind einstmals wieder auf der Heide war, und unter dem Rosenbusche saß, sah er weit hinten auf der Waldheide in einer sumpfigen Vertiefung blaue Flämmchen flackern, die wehten im Winde, als ob sie sich lustig im Tanze drehten. Und jetzt erinnerte er sich, daß die Leute erzählten, dort im Bente läge das goldene Kalb. Sollte das wirklich wahr sein? Er war noch zu klein, um nachzugraben; aber wenn er älter war, so nahm er sich vor, wollte er's nicht versäumen.

Einmal war er in den Wald gegangen, um Bickbeeren zu suchen. An den Ufern des Donoperteiches stand er gerade unter einem wilden Rosenbusche und sah die Nixen schwimmen, weiß und zart, und sie platschten vor Lust im Wasser und tauchten auf und wieder unter.

Da Sonntagskind größer geworden war, hielt es ihn nicht mehr zu Hause, und er wanderte in die weite Welt. Als er über den Wald zog, leuchtete ihm am Wege ein blühender Rosenbusch entgegen. Er pflückte sich ein Röschen und steckte es an den Hut. Da sah er am Hohlenstein lauter Zwerge auf der grünen Waldwiese springen und tanzen. Und die Elfen sprangen aus den grünen Büschen heraus und wiegten ihre geschmeidigen Leiber im Morgennebel. Und weiter am Spellerberge funkelte es zwischen den Steinen hindurch wie lauter Feuer. Also hatten die Leute doch recht, die davon erzählten, daß hier ein großer Schatz läge! Aber er wollte sich nicht aufhalten lassen; die Fee hatte ja gesagt, er müßte in die weite Welt gehen, um sein Glück zu machen.

 

 

Als Sonntagskind endlich weit, weit gereist war, kam er in eine Stadt, da war das einzige Töchterlein des Königs tod­krank geworden. Der König hatte alle Ärzte im ganzen Reiche herbeigerufen, aber keiner konnte helfen, und sie meinten, der Prinzessin müßte wohl etwas angetan sein. Da ließ der König bekannt machen: » Wer der Prinzessin hilft und sie von ihrer schweren Krankheit heilt, der soll reich werden für sein Leben lang und dem will ich sie zur Gemahlin geben!« Unser Sonntagskind kam gerade in die Stadt, als die bunten Trompetenbläser das in allen Straßen ausriefen. Stracks ging er hin und meldete sich im Schlosse, wo man ihn mit seinen verstaubten Schuhen und verschlissenen Kleidern nicht zulassen wollte. Sonntagskind ließ sich nicht abweisen und bestand darauf, daß man ihn beim Könige meldete, und der befahl, ihn auf der Stelle vorzulassen.

Der König hieß ihn in das Zimmer führen, wo die Prinzessin war. Sie lag ganz bleich in ihren Kissen, und von Zeit zu Zeit arbeitete sie mit ihren Armen in der Luft umher, als ob sie sich gegen jemand wehren wollte, der ihr zu nahe kam. Unser Sonntagskind hatte die Gabe, Verborgenes zu sehen; denn er hatte vorsichtigerweise ein Rosenblümchen angesteckt. Da sah er nun, wie ein Engel und ein Teufel um die Seele der Prinzessin kämpften. Von Zeit zu Zeit griff der Teufel nach der Prinzessin, um sie mitzunehmen; aber dann warf sich ihm der Engel mit aller Kraft entgegen, doch schien es, als ob er kein Sieger bleiben würde. Da tat schnelle Hilfe not. Sonntagskind befahl, daß alle Menschen hinausgeben sollten, nur der König und die Königin durften bleiben. Dann stellte er sich auf die linke Seite des Bettes und faßte die linke Hand der Prinzessin. Nun hatte der Teufel keine Gewalt mehr über sie.

 

 

Sonntagskind blickte im Zimmer umher, bis der Teufel mitsamt den bösen Geistern verschwunden war. Dann nahm er ein Fläschchen, das er bei sich hatte und netzte die vom Fieber trockenen Lippen der Prinzessin mit Wein, streckte seine Hand über sie aus und sprach leise einen Segen. Da schlug die Prinzessin zum ersten Male wieder die Augen auf, und sie waren klar, wie sie seit langem nicht gewesen waren. Die Königin wollte sich auf ihre Tochter stürzen und sie mit Küssen bedecken, aber Sonntagskind wehrte mit der Hand ab. Die Prinzessin schloß die Augen wieder und fiel in einen tiefen, gesunden Schlaf.

Der König und die Königin waren hochbeglückt und wußten nicht, was sie dem Sonntagskind altes zugute tun sollten. Er mußte im Schlosse wohnen und erhielt prächtige Kleider, und reich betreßte Diener liefen, wenn er winkte.

Einmal stand Sonntagskind in einer mondhellen Nacht am Fenster, das auf den Schloßgarten hinausging. Plötzlich fiel eine Sternschnuppe in den Garten nahe der Mauerecke. Da stand ein Rosenbusch, und im selben Augenblick züngelten blaue Flämmchen empor und verrieten Sonntagskind, daß hier ein Schatz vergraben war. Er lag schon viele hundert Jahre in der Erde und stammte von den Ungläubigen, die hier einst verheerend durch das Land gezogen waren und denen die geraubte Beute zuviel geworden war, um sie weiter mitzuschleppen; darum hatten sie sie bis zum Wiederkommen und Abholen in der Gartenecke vergraben. Aber sie hatten unterwegs ihren verdienten Tod gefunden, und so war der Schatz liegen geblieben, und niemand wußte davon wie Sonntagskind.

Die Großen des Reiches murrten sehr darüber, daß ein so armer Kerl wie der hergelaufene Wanderbursche die schöne Prinzessin heiraten und über so viele reiche Leute herrschen sollte. Das Sonntagskind hatte aber längst ihre Gedanken und Anschläge gelesen, und als sie einmal beisammen waren und sich darüber freuten, daß die Prinzessin am nächsten Tage zum ersten Male wieder in der großen Gesellschaft erscheinen sollte, ging er stracks hin zum König und sagte vor allen Versammelten: »Lieber Herr König, die edlen Leute hier sind unwillig darüber, daß ich die todkranke Prinzessin geheilt und damit den kostbaren Schatz verdient habe, den du dafür ausgesetzt hast, und sie nennen mich einen armen hergelaufenen Burschen, der es nur auf ihr Geld abgesehen hätte. Aber damit sie nicht glauben, ich wäre so arm wie ich scheine, so befiehl, daß morgen jedereine alle seine Schätze herbringt. Dann soll es sich ausweisen, wer am meisten hat!« Da befahl der König, daß am nächsten Tage jeder an Gold, Silber und Edelgestein bringen sollte, was er hätte.

 

 

In der Nacht ging Sonntagskind heimlich in den Garten, pflückte sich ein Röschen und sah den gewaltigen Schatz, der in der Erde vergraben war. Er nahm mit sich, was er konnte und füllte einen ganzen Koffer der glänzendsten Kostbarkeiten an, die man sich nur denken konnte, von so reicher Arbeit, daß kein Goldschmied sie mehr herzustellen imstande war.

Am anderen Tage kamen alle die Reichen und Vornehmen des ganzen Landes mit ihren Truhen und Kästchen her; sie hatten alle ihre Ringe, Nadeln, Ketten, alle ihre wertvollen Perlen, überhaupt alle ihre Kostbarkeiten mitgebracht. Und es war ein Glanz, daß der ganze Saal wie von hellem Lichte strahlte und alle sich schier verwunderten über die großen Schätze, die hier zusammengebracht worden waren. Da blickten sie fragend auf das Sonntagskind, das mit leeren Händen dabeistand. Sonntagskind winkte zwei Dienern, die brachten einen großen Koffer, so schwer, daß sie ihn kaum schleppen konnten, und als sie ihn öffneten und all die Herrlichkeiten daraus nahmen und auf den Tisch stellten, da ging ein Glanz von den Kostbarkeiten aus, wie von der Sonne fast, sodaß selbst der König und die Königin wie geblendet die Augen abwendeten. Die vorher gemurrt hatten, mußten jetzt beschämt schweigen.

Der König und die Königin befahlen aber jetzt, die Prinzessin hereinzuführen. Und als sie den schmucken Jüngling sah, der hübsch und stattlich an Gestalt dastand, lieblich von Angesicht war und treuherzig aus den Augen blickte, fiel sie ihm um den Hals und dankte dem Retter ihres Lebens. Und es wurde eine so glänzende Hochzeit gefeiert, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte.

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