Zentrale Gedenkfeier zum 27. Januar am Stadtgymnasium Detmold

Schülerinnen und Schüler gedenken der Opfer des NS-Regimes

Detmold. „Joop, bei uns sind Sie in Sicherheit“ – dieses Versprechen stellten die Schülerinnen und Schüler des Stadtgymnasiums Detmold über ihr Mini-Theaterstück, das sie im Rahmen der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus zum 27. Januar aufführten.

In ihrer Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus begaben sich die Jugendlichen auf die Suche nach biografischen Spuren. An den Beispielen einzelner Schicksale erinnerten sie an die Opfer, an die Überlebenden des NS-Regimes und auch an diejenigen, die Widerstand leisteten. So erzählten sie in ihrem Mini-Theaterstück von Joop Levi. In ihrer Interpretation ist er ein junger jüdischer Vater, der sich getrennt von seiner Familie bei niederländischen Bauern versteckt. Dort werden jedoch zeitgleich SS-Soldaten einquartiert.

Als Grundlage für ihre szenische Umsetzung diente ihnen eine Biografie aus dem Buch „Zwischen Glück und Grauen“ von Marie-Louise Lichtenberg. In diesem hat die Autorin und Lehrerin Begegnungen mit und die Lebenswege von Holocaust-Überlebenden festgehalten. „Was mich besonders berührt hat war, dass ich niemals Hass begegnet bin“, erklärte Lichtenberg im Interview mit Schülerinnen des Stadtgymnasiums während der Gedenkfeier. „Menschen, denen Schlimmstes widerfahren ist, wollten keine Rache – das möchte ich weitergeben an die junge Generation“, schilderte Lichtenberg ihre Motivation, sich an einer aktiven Erinnerungskultur zu beteiligen. Mit den Zeilen des berühmten Gedichts von Martin Niemöller „Als die Nazis die Kommunisten holten…“ forderte sie dazu auf, sich gegen Ungerechtigkeiten zu stellen, da ansonsten die Ungerechtigkeiten einen selbst einholen würden.

Auch Schulleiter Jürgen Elfers und Bürgermeister Rainer Heller betonten in ihren Grußworten die Wichtigkeit des gemeinsamen Gedenkens und Nachdenkens. „Die Verantwortung, dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholt, tragen wir alle“, sagte Heller.

Zum Gedenken an den 69. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hatten die Schülerinnen und Schüler außerdem ein musikalisches Rahmenprogramm zusammengestellt, wobei sie besonders der Komponisten Pavel Haas und des Pianisten Viktor Ullmann mit Beiträgen zu ihren Werken gedachten. Auch hatte der Pädagogikkurs eine Ausstellung zum Thema „Erziehung in der NS-Zeit“ erarbeitet.

Ich habe eine Stimme… für die Verantwortung des Erinnerns und Gedenkens!

Detmold. „Das Wunderbare an der Demokratie ist, dass wir unsere Stimme erheben können – ihr habt eine Stimme“, sichtlich bewegt dankte Iris Berben jetzt bei einem Empfang im Detmolder Rathaus Schülerinnen und Schülern des Detmolder Stadtgymnasiums für ihren Beitrag zum zentralen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Iris Berben engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Ausgrenzung; die Liste der Auszeichnungen dafür ist lang. Am vergangenen Samstag las die Schauspielerin anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Detmolder Sommertheater. Doch zuvor folgte die gebürtige Detmolderin einer Einladung ins Detmolder Rathaus, wo ihr Jugendliche und Bürgermeister Rainer Heller Projekte zum Thema „Erinnern und Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ vorstellten.

„Ich habe eine Stimme, die ich dafür einsetzen möchte, dass so etwas nie wieder geschieht“, sagt Clara Franke, eine weiße brennende Kerze in der Hand haltend. Sie gestaltet zusammen mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in diesem Jahr die zentrale Feier zum Gedenktag am 27. Januar. Es ist sehr still im großen Sitzungssaal während die Schülerinnen und Schüler die Kerze von Hand zu Hand reichen und ihre Motivation benennen, warum sie an der Gedenkfeier mitwirken: sie wollen an das Leid der Opfer, aber auch an den Mut der Widerstandskämpfer erinnern – vor allem aber wollen sie die Wiederholung verhindern.

Iris Berben zeigte sich ergriffen von den persönlichen Worten der Jugendlichen, aus denen die „moralische Verantwortung des Nicht-Vergessens“ spreche. In ihrer Jugend sei diesem Kapitel der deutschen Geschichte mit Sprachlosigkeit und Schweigen begegnet worden. Sie selbst reiste deshalb als 16-Jährige nach Israel, um mit Holocaust-Überlebenden zu sprechen. „Wir geben die Staffel weiter und ihr müsst die Staffel weitergeben“, appelliert sie an die Schülerinnen und Schüler. „Die Müdigkeit, die Erschöpfung ist da – die Leute wollen das Thema nicht mehr. Aber es gibt kein Argument, das das Vergessen rechtfertigen kann“, so Berben.

Die Erinnerungsarbeit sei vor allem auch deshalb wichtig, da heute wieder „Menschenfänger“ mit den Parolen von damals laut werden würden. „Detmold ist die Kulturstadt – dazu gehört insbesondere auch die Erinnerungskultur“, betont auch Bürgermeister Rainer Heller in seinem Grußwort. Die lokale Gedenkkultur werde getragen von einer breiten Basis, die sich in der Arbeitsgruppe „27. Januar“ wieder findet. Bei deren Vertreterinnen und Vertretern, die an dem Empfang im Detmolder Rathaus teilnahmen, bedankte er sich ausdrücklich. Abgerundet wurde der Empfang mit dem Eintrag der prominenten Künstlerin in das „Goldene Buch“ der Stadt Detmold.

„Eine Axt für das gefrorene Meer“

Ist es Freude, ist es Schmerz? Jüdische Wurzeln - deutsche Gedichte

Der folgende Bericht vom 27. Januar 2014 wurde freundlicherweise von der Lippischen Landeszeitung zur Verfügung gestellt

Text: Andreas Beckschäfer - Foto:Stadt Detmold

Detmold. "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", zitiert Herausgeber Gerhardt Schmidt im Gespräch vor der Lesung die Worte Franz Kafkas. Der von ihm zusammengestellte Gedichtband, wünscht er sich, solle eine solche Axt sein.
Indes eine, die von der Kraft der Menschlichkeit und nicht von der Macht der Gewalt geprägt sei, fügt Verleger Georg Aehling an: "Sie finden auf über eintausend Seiten kein Wort des Hasses." Eine Aussage, die im Kontext mit dem bedrückenden Umstand, dass 70 der 305 in dem Buch berücksichtigten Autoren durch die Nationalsozialisten getötet wurden, noch an Bedeutung gewinnt.
Die Lesung - vom Literaturbüro anlässlich des Holocaust-Gedenktages veranstaltet - ist in drei Abschnitte geteilt: Im ersten Teil rezitiert Iris Berben Texte, die vor 1920 entstanden sind. Der mittlere Teil stellt Werke in den Vordergrund, die unter dem Eindruck von Schrecken und Vernichtung während des zweiten Weltkriegs entstanden. Gedichte, die das Geschehen reflektieren und sich mit den Auswirkungen des Holocaust auf die jüdische Kultur befassen, bilden den Abschluss.
Nicht unterbrochen, vielmehr unterstrichen, wird die Lesung durch musikalische Beiträge, die Maya Homburger (Barockvioline) und Barry Guy (Kontrabaß) gestalten. Die Stimmungen der Lyrik aufnehmend, spielen sie klagende Klänge, lassen ihre Instrumente miteinander Zwiesprache halten. Dramatisch, nervös, verschreckt flirren die Töne mitunter, selten ein Wohlklang, doch immer berührend.
So, wie es auch die Worte sind, die Iris Berben so ausspricht, wie sie die Verfasser einst gefühlt haben müssen. Die gebürtige Detmolderin gibt Schrecken und Verzweiflung ebenso eine Stimme, wie der Hoffnung, die selbst in den dunkelsten Momenten zwischen den Zeilen hervorschimmert. Ihre Lesart bewahrt dennoch stets eine respektvolle Distanz zu den Inhalten. Ohnehin wirkt ihr Auftreten zurückgenommen: Iris Berben lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass im Mittelpunkt der ausverkauften Veranstaltung im Sommertheater das Buch steht, und nicht die, die es vorliest. Und gleiches gilt sicherlich für den langanhaltenden Beifall am Ende der Lesung.
Die Sehnsucht nach ihrer - oder überhaupt irgendeiner - Heimat ist ein wiederkehrender Gegenstand in den jüdischen Gedichten, die sie auf diese Weise vorträgt. Eines namens "Ein Zeitungsbericht" von Schriftsteller Günther Anders findet erschütternde Worte für das Gefühl der Heimatlosigkeit aus der Sicht eines kleinen Jungen. Unter der Schlagzeile "Einige Kinder aber schlugen um sich, als man sie aus Buchenwald befreite" gibt Anders die mögliche Weltsicht eines Fünfjährigen preis: "Hab' mir immer vorgestellt/ wo wir sind, da ist die Welt/ und die Welt sind wir. Wusste zwar so ungefähr/ es gibt noch was, da kommt man her/ doch die Welt sind wir."
Das Leid, so scheint's, hat keinen Hass entzündet. Doch es hat tiefe Spuren in der Kultur eines seiner Heimat beraubten Volkes hinterlassen. Diesen zu folgen, erlaubt diese von tiefer Menschlichkeit geprägte Anthologie.